Videos in Gebärdensprache auf der Website der Universität, “Gleichstellung und Diversität” als zentrale Leitprinzipien – Inklusion ist an vielen Stellen sichtbar. Wer jedoch selbst Gebärdensprache lernen möchte, stößt schnell an Grenzen. Das entsprechende Kursangebot der Friedrich-Schiller-Universität Jena richtet sich ausschließlich an Medizinstudierende. Was dahinter steckt und welche Fragen sich daraus ergeben, erfahrt ihr hier.
Brailleschrift auf Medikamentenverpackungen, barrierefreie Ticketautomaten oder Videos in Deutscher Gebärdensprache auf der Website der Friedrich-Schiller-Universität Jena – inklusive Angebote und barrierefreie Hilfsmittel für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen begegnen uns heute an vielen Stellen im Alltag. Deshalb könnte man annehmen, dass auch das Erlernen der Deutschen Gebärdensprache an der Universität allen Studierenden offensteht. Schließlich zählen Gleichstellung und Diversität zu den zentralen Leitprinzipien der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Ein genauerer Blick auf das Kursangebot zeigt jedoch ein anderes Bild: Gebärdensprachkurse werden derzeit ausschließlich für Studierende der Medizin angeboten. Eine offizielle Website der Fachschaft Medizin der FSU Jena wirbt für ihren Gebärdensprachkurs als “exklusive Gelegenheit für Medizinstudierende, die Deutsche Gebärdensprache zu erlernen”. Begründet wird dies mit der steigenden Wahrscheinlichkeit zu Kontakt mit gehörlosen Menschen als Mediziner*in. Schließlich wäre es dann sehr hilfreich, “sich direkt selbst mit [den Patient*innen] verständigen zu können”.
Damit hat der FSR Medizin natürlich recht. Für Ärzt*innen kann die Fähigkeit, direkt mit gehörlosen Patient*innen zu kommunizieren, einen wichtigen Beitrag zu einer besseren medizinischen Versorgung leisten. Problematisch ist jedoch, dass dabei leicht der Eindruck entsteht, Gebärdensprache sei nur im medizinischen Bereich relevant.
Tatsächlich eröffnet sie jedoch in zahlreichen gesellschaftlichen und beruflichen Kontexten neue Möglichkeiten der Teilhabe. Lehrkräfte könnten gehörlose Kinder direkter unterstützen, Psycholog*innen einen barriereärmeren Zugang zu therapeutischen Angeboten schaffen und Sozialarbeiter*innen ihre Klient*innen ohne sprachliche Hürden begleiten. Darüber hinaus ist Gebärdensprache nicht nur ein praktisches Kommunikationsmittel, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der Kultur und Identität gehörloser Menschen. Angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Gebärdensprache stellt sich die Frage, weshalb das aktuelle Angebot lediglich einer einzigen Fachrichtung offensteht.
Genau das möchten einige Psychologie-Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena jetzt ändern. Im Rahmen eines Projekts zu Interventionsmöglichkeiten gegen Diskriminierung aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen haben sie die Initiative “zusammen (ge-)hören” gegründet. Mit einem offenen Brief suchen sie das Gespräch mit der Universitätsleitung und setzen sich dafür ein, dass Gebärdensprachkurse künftig allen Studierenden offenstehen.
Begleitend dazu haben sie eine Umfrage gestartet. Darin werden Studierende nach der Relevanz der Deutschen Gebärdensprache für ihre berufliche Zukunft und ihrem Interesse an einem entsprechenden Kursangebot befragt. Mehr als 100 Studierende haben sich bereits beteiligt und die bisherige Resonanz zeigt: Das Interesse ist da.
Wer die Initiative unterstützen und an der Umfrage teilnehmen möchte, findet den dazugehörigen Link auf der Website des Campusradio Jena.
Hier gehts direkt zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/zusammengehoeren/
