Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten. Die Fußballweltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA ist in vollem Gange und während diese Zeilen geschrieben werden, ist die Deutsche Mannschaft bereits für die K.O.-Phase qualifiziert. Gründe für Fußball-Euphorie sind vorhanden. Jedoch muss das Turnier vor dem Hintergrund der politischen Lage in den USA und den Machtspielen der FIFA auch kritisch betrachtet werden. Ein Beitrag zum Dilemma eines Fans: Kann man es verantworten, die WM angesichts der politischen Lage zu schauen?

Was den Fußball angeht, durften wir in Jena einiges erleben in dieser Saison. Die FCC-Frauen hielten uns im Bundesliga-Abstiegskampf in Atem und scheiterten in einem bärenstarken Pokalhalbfinale nur knapp am VfL Wolfsburg. Nach einer überragenden Saison spielten die FCC-Männer im Saisonendspurt noch um die Meisterschaft mit. Als wäre das nicht schon genug, steht direkt das nächste Großereignis vor der Tür: Die Fußballweltmeisterschaft.  

In meiner Erinnerung haben Weltmeisterschaften etwas Magisches. Die Vorfreude bei uns zuhause war Wochen vorher schon riesig, wir hatten alle Sticker, die man nur sammeln konnte und im Wohnzimmer hing ein großer Spielplan, den wir akribisch gepflegt haben. Zu jedem Spiel versammelte sich die ganze Bande vor dem Fernseher, wer konnte in Trikot und manchmal wurde parallel gegrillt. Ich merke mir nur selten Zitate aus Film und Fernsehen, aber „Mach ihn, mach ihn, er macht ihn – Mario Götze!“ gehört auch heute noch zu meinen meistzitierten Sätzen. In meiner Wahrnehmung schafft Fußball es wie kaum ein anderer Sport, Menschen im großen Stil zusammenzubringen. Selten sieht man eine so große Menge in so großer Einigkeit wie beim Public Viewing. Für die kurze Dauer von 90 Minuten entsteht eine Einheit aus sich sonst Fremden, Personen, die sich anderswo nie getroffen hätten, bejubeln gemeinsam ein Tor des eigenen Teams und für einen Moment gibt es kaum gesellschaftlichen Unterschiede und alle gehören dazu. Die Emotionen in der Luft sind meistens fast greifbar. Da ist Vorfreude vor dem Spiel, Anspannung, wenn es nicht so läuft wie erhofft, pure Freude, wenn doch.

Macht und Profit statt Freude am Spiel

Für viele dennoch schwer zu beantworten: Die Frage danach, ob man die WM angesichts aktueller politischer Geschehnisse überhaupt schauen sollte. Nach Russland 2018 und Katar 2022 wird auch die WM 2026 wieder überschattet von politischen Themen. Und das in einem Ausmaß, das sich längst nicht mehr nur als negativer Beigeschmack abtun lässt. Trumps Amerika steht an einem Wendepunkt. Das Turnier hat kaum angefangen, da findet man schon Nachrichten über das Einreiseverbot für einen somalischen Schiedsrichter, staatliche Repressionen gegen das iranische Team bei ihren Spielen in den USA und Geldmacherei, wo man nur hinschaut.
Ein Sport, der sich selbst so oft als unpolitisch bezeichnet, kann sich dem Politischen schon lange nicht mehr entziehen. Schuld daran hat wohl vor allem der Fußballweltverband selbst. FIFA-Präsident Gianni Infantino geht auf Kuschelkurs mit dem US-Präsidenten, begleitet diesen bei verschiedensten Terminen, lobt die Politik Trumps aufs Höchste und verleiht ihm dafür direkt noch den FIFA-Friedenspreis. Von politischer Neutralität keine Spur. Bei der WM, so der Eindruck, geht es längst nicht mehr um die Freude am Sport, sondern um Macht und Profit. Für Spieler bedeutet das unter anderem lange Reisewege zwischen den auf drei Länder verteilten Spielen oder unterbrochene Spielflüsse durch teils nicht notwendige Trinkpausen, in denen – man höret und staunet – natürlich mehr Werbung geschaltet werden kann. Viele Fans können sich das überteuerte Ticket fürs Stadion nicht leisten oder müssen bei Einreise in die USA Angst um ihre Rechte haben.

Gründe, die WM zu boykottieren, gibt es viele. Dem gegenüber stehen aber auch einige Gründe, das Turnier eben doch zu schauen. Egal, wie wir persönlich am Ende mit diesem Balanceakt umgehen, wichtig bleibt vor allem: Kritisch sein. Nicht einfach hinnehmen, dass Staaten mit autokratischen Regierungen oder autoritären Tendenzen wie selbstverständlich die großen Sportevents dieser Welt austragen dürfen. Nicht einfach wegschauen, wenn Sportler:innen aufgrund ihrer Herkunft von der Teilnahme an internationalen Turnieren ausgeschlossen werden. Und nicht aufhören, kritische Berichterstattung und differenzierte Stellungnahmen der nationalen Fußballverbände einzufordern. Denn sowohl die teilnehmenden Mannschaften als auch wir Fans tragen eine gewisse Verantwortung, wenn es darum geht, Menschen- und Freiheitsrechte in und um Fußballweltmeisterschaften zu wahren. Boykott oder nicht, wir alle sollten darüber sprechen, wie viel Weltpolitik am Ende auch in dieser angeblich so unpolitischen Fußball-WM steckt.