Am Donnerstag, den 11. Juni, muss sich Europa ein bitteres Eingeständnis machen. Mehr noch als an anderen Tagen. Ein Eingeständnis des Versagens und der Anerkennung einer neuen Realität. An diesem 11. Juni nämlich wird der russische Angriffskrieg auf die Ukraine genauso lange andauern wie es der 1. Weltkrieg tat.

Während Mexiko und Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 einläuten, macht sich in Europa eine traurige Gewissheit breit. Am 11. Juni dauert der russische Überfall auf das ukrainische Staatsgebiet genau 1568 Tage an. Natürlich war jede einzelne Stunde dieser vergangenen viereinhalb Jahre eine kriegerische Stunde zu viel. Und dennoch ist der 11. Juni ein Datum, das eben nicht nur einfach eine Zahl ist. Denn ab diesem Zeitpunkt erschüttert der Krieg den europäischen Kontinent länger, als es der 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 tat.

Zeitzeugnisse aus dieser Epoche gibt es nur noch wenige. Dennoch wird der Konflikt mit über 40 beteiligten Staaten und mehr als 17 Millionen getöteten Menschen als eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte erinnert. Zurecht. Dass nunmehr ein weiterer europäischer Krieg zumindest eine zeitlich ebenso überwältigende Dimension einnimmt, rückt derzeit aber fast schon wieder in Vergessenheit. Nur zwei Landesgrenzen trennen uns von dem Schauplatz, der schätzungsweise schon 350.000 Menschen das Leben kostete.

Ein Krieg der maßstabslosen Prinzipien

Wir spüren die Ausmaße des Überfalls aktiv. Ukrainische Familien flüchteten aus ihrer Heimat und mussten auch ohne Waffe in der Hand um ihre Zukunft kämpfen. Für viele war eine Rückkehr bisher nicht möglich. Dazu macht die Wirtschaft in Deutschland und der EU eine noch immer nicht vollendete Zeitenwende durch. Die Abhängigkeit von russischem Gas oder Öl beeinträchtigte Industrie und natürlich auch private Haushalte. Bei der Neuausrichtung seit 2022 kamen die starken Wirtschaftsnationen nicht um Inflation, Rezession und weitere Schwankungen herum. Höhere Lebenskosten für Verbraucher*innen und eine kaum vorhandene Krisenfestigkeit waren die Folge.

Der Angriffskrieg ist ein moderner. Nachdem russische Truppen in den ersten Tagen mit schwerem Gerät und großen Truppenstärken weitläufige Teile der Ostukraine erobert hatten, zeichnete sich schon kurz darauf ein anderes Bild ab. Drohnen dominieren das Kriegsgeschehen. Diese kosteneffizienten Waffen können fast unbemerkt strategische Ziele treffen und machen das Vorrücken gesammelter Armeen fast unmöglich. Weil die EU und westliche Staaten die Ukraine über den gesamten Zeitraum mit weiteren Waffensystemen unterstützen und Russland fast sämtliche Industriezweige auf den Krieg ausrichtete, verhärteten sich die Fronten immer mehr. Wladimir Putin will aus Prinzip gewinnen. Die Ukraine muss es zum Überleben. Der Konflikt selbst übertrifft sich in seiner Sinnlosigkeit seit dem ersten Tag.

Die Ukraine kämpft um die Zukunft und gegen das Wegschauen

Und auch die Zivilbevölkerung leidet in den betroffenen Gebieten fortwährend. Dass es ein moderner Krieg ist, liegt auch am hybriden Aspekt: Sowohl russische als auch ukrainische Hacker versuchen sich immer wieder daran, digitale Kommunikationswege zu kappen. Ausfälle des Internets sind im Gesamtkontext sicherlich noch am ehesten zu verschmerzen, treiben die Trennung von der restlichen Welt aber an. Und gerade dadurch wird die Auseinandersetzung für uns immer weniger greifbar.

Joko und Klaas sorgten in ihren 15 erspielten Minuten gegen ProSieben vor kurzer Zeit dafür, dass wir den Zugang nicht gänzlich verlieren. Sie zeigten Bilder aus dem Alltag ukrainischer Menschen im Kriegsgebiet. Dort ist Angst für viele bereits der gelernte Zustand. Ein Ausblenden des Terrors scheint nicht möglich. Und dennoch gibt es für das, was sich etwa 22 Fahrstunden von Jena aus abspielt, keine rationale Erklärung. Keinen Grund. Auch wenn viele Menschen für eine bessere Aussicht kämpfen, deutet nur wenig auf ein absehbares Ende des Krieges hin.

Wie europäische Staaten mit Russland verhandeln sollten, ob Kriegslieferungen das richtige Mittel sind und wie eine Zukunft in der Ukraine aussehen kann, sind Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen. Gleichzeitig soll kein anderer Krieg auf dieser Welt relativiert werden und in Vergessenheit geraten. Doch der russische Überfall wird weiter neue Maßstäbe setzen. Weil er Europa terrorisiert. Weil er für zu viele eine Notwendigkeit des Tötens legitimiert. Weil er verändert und beeinflusst, wie wir auch hier in Deutschland übereinander denken. Und wenn wir uns auf eines nicht einlassen sollten, dann sind es die Folgen, die schon der 1. Weltkrieg über alle Menschen dieser Welt brachte. Über unsere eigenen Vorfahren. Über unsere Geschichte. Lasst uns also nicht wegschauen, uns weiter um die betroffenen Menschen kümmern und zu Maßstäben nicht nur die Zahlen, sondern vor allem ihre Auswirkungen bewusstmachen.


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