Aktuell türmen sich die Neuerscheinungen, Album um Album erscheint diesen Herbst. Da braucht es einiges, um hervor zu stechen. Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung haben das geschafft und wir haben reingehört.

Während so manche Studentin noch die Handyfotos vom Urlaub für den privaten Insta-Feed kuratiert, sortiert die eine oder andere Künstler*in die Eindrücke aus der Sandburgen-Sommerpause in Musik und Film. Florian Paul hat ein neues Album geschrieben, und zwar ein gutes. Kein zurück heißt es und es geht um das Reisen, in die Welt und zu den eigenen Beziehungen.

Florian Paul, das ist ein Künstler aus München, der es seit 2019 mit seiner Band (Florian Paul & die Kapelle der letzten Hoffnung) versteht, lyrische Texte in Musik zu gießen. Mit Johannes Rothmoser (Drums), Nils Wrasse (Saxophon), Hannah Wiese (Bass) und Giuliano Loli (Keys) zusammen hat er als Singer & Songwriter inzwischen vier Alben aufgenommen, ganz klassisch live im Studio. Dabei lavieren sie zwischen Pop, Jazz, Rock und Indie und mischen 70er Einflüsse mit modernen Hörgewohnheiten. Das neue Album Kein Zurück kommt besonders energiegeladen daher und zeigt sich auch auf anderen Ebenen in schillernden Farben: Vier Musikvideos sind schon entstanden, größtenteils in Eigenregie. Denn Florian Paul selbst studierte Komposition für Film und Medien und gewann den Short Plus Award des Fünf-Seen-Filmfestivals für den mittellangen Film Auf Sand gebaut, der im Rahmen des zweiten Studioalbums der Band entstand.

Langjährige Fans werden mit Kein Zurück nicht enttäuscht. das Album liefert den für die Band typischen Sound. Große Balladen, tanzbare Tracks und ganz stille, poesiegeladene Songs geben sich die Hand und sorgen für Abwechslung. Einen ersten Akzent setzt der zweite Song auf dem Album, Amerika. Es geht um verstaubte Nostalgie die auf die harte Realität der zweiten Trump’schen Administration trifft. Doch der Song verweilt nicht bei der Desillusionierung des american dream, sondern blickt mit treibenden Klängen in die Zukunft: “Wird Zeit, dass wir mit neuen Farben malen: Kein zurück.” Versteckt sich hier auch schon der Titel des Albums, wird klar, worum es geht. Um das Aushandeln einer möglichen Zukunft mit Blick auf das was war, auch im ganz persönlichen. In Wie es ist zum Beispiel geht es um das abgeschlagen sein und das infrage stellen des Status Quo und Mut zur persönlichen Veränderung und Weiterentwicklung. Der Song Kein zurück wird sogar noch deutlicher, steh auf und schau nie mehr zurück, mach diesen ersten Schritt, geh einfach immer weiter.

Ja und dann ist da noch die Liebe. Schon in Heute morgen erzählt der Text von einer vergangenen, schönen aber unbeständigen Liebe, und vom Verlassenwerden. Der Sänger wirkt hin und hergerissen, gehen oder bleiben, festhalten oder loslassen an einer Liebe, die so tief und so ehrlich war, wie keine zuvor. Auf Halt mich fest, den wohl intimsten, wortgewaltigsten Song des Albums der die Zerrissenheit dessen widerspiegelt, folgt Blick aufs Meer: Munter Sandburgen bauen und eine Zukunft planen, ganz selbstbestimmt. “Ich brauch eine Pause, ich brauche ein’n Pool, aber dich ganz sicher nicht”, sinniert Florian Paul, direkt nachdem er sich im Song vorher nach Nähe und Geborgenheit sehnt. Gerade diese Folge an Tracks – gewollt oder nicht – zeigt die Ambivalenz, die den Erzähler des Werks umtreibt: Am Tag sind wir unabhängig, frei und stark. Aber zuvor kommt die Nacht. Es passt so gut, dieses Album, in unsere schnelllebige Zeit, und es offenbart die bittersüße Wahrheit der Liebe: Wer seine Heimat bei Menschen statt bei Orten sucht läuft Gefahr, verlassen und verletzt zu werden, oder an einer Person festzuhalten, obwohl sie einem nicht gut tut. Und gleichzeitig sind andere Personen alles, was wir haben, egal was man besitzt, egal an welchem Ort man ist. Viele Gesichter hat die Liebe, dem widmet sich der vorletzte Track, bevor es schließlich In die Wüste geht. Hier folgt dem ruhelosen Gesang ein Echo aus Gitarre und Saxophon, orientalisch anmutende Klänge begleiten uns aus diesem musikalisch ohnehin grandiosen Album heraus.

In Kein Zurück stimmt wirklich alles: Die Texte sind sorgfältig gewoben und drücken Gefühle auf eine Art und Weise aus, die an Poesie grenzt. Die Musik ist darauf – wie immer bei Florian Paul & die Kapelle der letzten Hoffnung – perfekt abgestimmt und bewegt sich weiterhin auf höchstem Niveau. Das Thema ist auch für uns Mittzwanziger relatable par excellence – schließlich fühlen wir uns alle manchmal lost. Wer das neue Album live erleben möchte, kann und sollte das auch tun: Am Donnerstag, den 22.10. spielt die Band in Leipzig. Hört unbedingt vorbei, denn Kein Zurück ist ganz verdient unser Campusradio Jena Album der Woche.