Nachdem die Adventskalenderinszenierung des Stücks Jedermann der Schauspielgruppe TheateRRausch so gut besucht war, dass für Campusradio Eule Beate kein Hineinkommen möglich war, wurde die Wiederaufnahme der Produktion sehnlichst erwartet. Vergangenes Wochenende war es endlich soweit und wir waren mit dabei.
Wer sich letzten Sonntag auf der Suche nach einem Gottesdienst in den Kulturschlachthof verirrte konnte, so gegen 20 Uhr, dennoch einem Schöpfer begegnen – oder zumindest einer Darstellung von ihm. Die offene Schauspielgruppe TheateRRausch spielte vergangenes Wochenende in Kooperation mit der Freien Bühne Jena ihre Inszenierung des Klassikers Jedermann von Hugo von Hofmannsthal. Eine Inszenierung die ursprünglich für den Adventskalender Kultürchen einstudiert wurde und die nicht davor zurückschreckt, popkulturelle Referenzen mit beinharter biblischer Symbolik zu paaren. Und eine Inszenierung, die in ihrer Aktualisierung sogar Hofmannsthals Ende umschreibt.
Neben dem ersten Auftritt, der niemand geringerem als einer Verkörperung Gottes vorbehalten ist, teilen sich der Tod, der Glaube, die guten Werke und der Mammon, also das Vermögen, die Bühne. Mitten unter ihnen der Kapitalist Jedermann, der sein Leben dem finanziellen Reichtum widmet und sich dabei von seinem Glauben und seinem Gott abgewandt hat. Für ihn sind Barmherzigkeit und Nächstenliebe Fremdworte. Illustriert wird dies an zwei Interaktionen Jedermanns. Einmal mit einem ehemaligen Nachbarn, der in die Armut gerutscht ist und Jedermann um Geld bittet, und dann mit einem Schuldner, der um das Aufheben seiner Schuld fleht bevor er ins Gefängnis geht. Hier schimmert die Raffinesse des Drehbuchs von Jana-Sophie Niegisch durch, die bei diesem Stück Regie führte. „Barfuß laufen ist sowieso gesünder“ oder „Ich habe sogar ihren Kindern Arbeit gegeben!“ sind nur zwei Juwelen des Textes.
“Du liebst mich bis zur Hölle?” “Und wieder zurück!”
Die restliche Geschichte Jedermanns ist kurz erzählt: Er, der Reiche und dem Glauben abgewandte, missfällt seinem Schöpfer und soll das Zeitliche segnen. Kurzerhand wird er vom Tod auf einer eigenen Party überrascht – 40 Jahre seien schließlich ausreichend für einen derart gottlosen Lifestyle, es wird Zeit für ewige Verdammnis in der Hölle. Geflehe und Gefeilsche können dem nur bedingt etwas entgegensetzen, gewährt ihm der Tod jedoch noch eine weitere Stunde Lebenszeit und die Chance, eine*n Gefährten*in mit ins Höllenfeuer zu nehmen. Doch weder Freunde, noch Familie sind gewollt Jedermann zu begleiten. Auch seine Geliebte lässt sich nicht überzeugen. Sie liebt ihn bis zur Hölle und wieder zurück – ohne garantierte Rückkehr jedoch sieht die Sache anders aus. Die interessantere Interaktion findet jedoch mit Mammon statt, dem personifizierten Reichtum, den Jedermann meint sich erarbeitet, ja verdient zu haben. Dieser dreht die Machtverteilung kurzerhand um. In der vielleicht wichtigsten Schlüsselszene des Stücks zeigt Mammon sein wahres Gesicht: Er gehört nicht Jedermann. Jedermann gehört ihm. Letztlich begegnet Jedermann dem Tod. Seine spärlichen guten Werke und sein Glaube können und wollen ihm auch in diesem letzten Augenblick nicht zur Seite stehen. Er stirbt alleine.
Während das Hofmannsthal’sche Original in seinen letzten Zügen von der Güte Gottes erzählt, die Jedermann schließlich doch in das himmlische Reich entlässt, entscheidet sich die Inszenierung von Jana-Sophie Niegisch dagegen. Diese Entscheidung ist konsequent, wird Jedermann als Ekelpaket und das menschgewordene Feindbild einer studentischen und progressiven Theater- und Zuschauerschaft dargestellt. Gleichzeitig nimmt sie die christliche Hoffnung auf Vergebung und zeichnet stattdessen ein hartes, rechtschaffendes Gottesbild. Wer Böses tut erfährt Böses, für Ambivalenz lässt die Inszenierung des TheateRRausch keinen Platz. So kann das Publikum nach diesem Theaterabend befriedigt, belustigt und beruhigt nach Hause ziehen: Ein Glück sind wir alle nicht jedermann.
Die drei Erkenntnisse dieses Abends: das TheateRRausch überzeugt auch in dieser Inszenierung mit einer fantastischen schauspielerischen Leistung, die sich mit dem ein oder anderen Theaterhaus messen lässt; es ist nie der falsche Zeitpunkt für einen Taylor Swift Song; Vergebung hat heutzutage ihre Grenzen. Oder, wie es schon im Matthäus Evangelium geschrieben steht:
„Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“