Es kommt nicht oft vor, dass Künstler auf einem einzelnen Projekt den Zuhörer immer wieder erneut überraschen können. Soloartist Ya Tseen zeigt auf seinem zweiten Album “Stand On My Shoulders”, dass Genremixing eine musikalische Goldmine ist. Unsere Musikeule Tim kann mehr darüber berichten, was das Album so vielseitig macht.

Weniges flößt mehr Respekt ein, als aus dem eigenen Komfortbereich auszutreten. Besonders beim Musizieren kann das Verwischen von Genregrenzen ein fragiler Balanceakt werden, der viele Risiken birgt. Doch genau dieser Balanceakt kann Möglichkeiten der Expression eröffnen, die nur selten ergriffen werden. Wie praktisch, dass ein gewisser Ya Tseen auf seinem neusten Werk eine ganze Menge an Grenzen verwischt.

Nicholas Galanin, mitunter bekannt als Ya Tseen, hat einen faszinierenden künstlerischen Lebensweg. Der Artist wächst in den indigenen Communities Alaskas mit Zugehörigkeit zu den Tlingit und Unangax̂ auf. Unter Anleitung seines Vaters und Onkels lernt er von früh an das Goldschmieden, ein traditionelles Handwerk in seiner Familie. Diese Arbeit mit Edelmetallen stellt die erste seiner vielen künstlerischen Passionen dar, wobei sein Vater auch das Gitarrespiel an ihm weitergibt. 2007 erlangt Galanin seinen Master in indigener visuellen Kunst und beteiligt sich seitdem regelmäßig an Ausstellungen, bei welchen er vielseitig mediale Techniken anwendet . Mit Musik beschäftigt der multidisziplinäre Künstler sich professionell seit Mitte der Nullerjahre, sein erstes Album im Folkstil veröffentlicht er unter dem Alias Silver Jackson in 2008. Ya Tseen ist das neueste und vielschichtigste seiner musikalischen Projekte, an welchem er seit 2021 arbeitet.

“Stand On My Shoulders” ist der zweite Release von dem Musikprojekt Ya Tseen. Erneut hat hier Galanin in Kollaboration mit anderen Musizierenden einen bunten Mix aus Genrerichtungen geschaffen. Eine angemessene Bezeichnung wäre vielleicht Alternative mit Einflüssen von Pop, Electronica und R’n’B. Thematisch ist das Album geprägt von der Auseinandersetzung mit der Kultur der eigenen Vorfahren und die Verantwortung an die zukünftigen Generationen. “Ircenrraat” ist das Intro zum Album und legt einen verträumten Start hin. Nicholas Galanin und Gastsängerin Ashley Young singen hier über Traumlandschaften mit miteinander verschmelzenden Stimmen, die von sanften Flöten im Chorus begleitet werden. Der Follow-Up “Twilight” hingegen vereint teils dumpfe Beatrhythmen mit meditativ anmutenden Synthmelodien, ein ästhetischer Kontrast. Bei den Vocals kontrastieren sich ebenfalls die Raplines von Pink Siifu mit den sanften Gesang der Sängerin Sibide. Ein besonders repräsentatives Lied für die Direktion des Albums ist “Honey On My Lips”, hier kombinieren sich funky Basslines mit u.a. Portugal The Man zu einem Track, der seine Identität gefühlt jede halbe Minute wechselt. Je nach Vorliebe der Zuhörer eine der größten Stärken oder Schwächen von “Stand On My Shoulders”.

Es ist persönlich, es ist nachdenklich, und vor allem komplex. Nicholas Galanin vereint als Ya Tseen eine immense Menge an thematischen und musikalischen Ideen auf seinem aktuellsten Werk. Dieser Überfluss steht für die Philosophie seiner Arbeitsweise, welcher man beim Zuhören nichts anderes als Respekt entgegnen kann. Es ist der kreative Kern von “Stand On My Shoulders”, unser Campusradio Jena Album der Woche.