Es ist wortgewaltig und bittersüß: Große Liebe heißt unser Album der Woche in diesen ersten Tagen des Oktobers und überzeugt mit seinen 10 Tracks auf ganzer Linie. Doch hört selbst.
Die Große Liebe – ein Ausdruck, der Assoziationen hervorruft: Da können Geschichten von Sehnsucht und bittersüßem Abschied ala the one that got away in den Kopf kommen. Gedanken an die erste Person, für die man jemals etwas gefühlt hat. Happy End Hochzeiten. Buch-, Serien- oder Filmcharaktere, die so offensichtlich zusammenpassen, dass man als Zuschauerin am liebsten in die fiktive Welt hineinschreien möchte. Oder Musik, zum Beispiel das neue Album von Nichtseattle, das diesen Namen trägt.
Nichtseattle, das ist Katharina Kollmann, die unter diesem Namen seit 2019 Musik veröffentlicht. Das aktuelle Album ist bereits ihr viertes, hierfür hat sie sich – zufälligerweise – vier Bandkollegen angelacht: Sönke Torpus (E-Gitarre, Backing Vocals), Juliane Graf (Bass, Backing Vocals), Sebastian Albin (Schlagzeug) und Gregor Leser (Trompete, Flügelhorn, Synthesizer) unterstützen die Singer-Songwriterin, auch auf der aktuellen Große Liebe Tour, mit der sie am 6. Dezember 2026 auch nach Jena ins TRAFO kommen.
Die Große Liebe beginnt in Dallas, zumindest trägt der erste Song des Albums diesen Namen. Träge schleppen sich die ersten Zeilen dahin, es geht ums Warten. Ums Warten auf Nachrichten, vielleicht auch auf Liebe zu einer anderen Person, es geht um das sich treiben lassen, alles kann nichts muss. Die verschiedenen Arten von Liebe sind – wenig überraschend – das Kernthema des Albums. Da ist ein Lied voll von Bewunderung für ihre Freundinnen: Meine Ladies heißt der Song und erzählt mit verliebtem Blick von der Stärke und der Klugheit der Frauen und dem Glauben daran, gemeinsam Großes zu schaffen. Kollmann gelingt es generell ganz unaufgeregt viel zu sagen. So ist die Musik des Albums durchweg entspannt, baut sich ab und an auf und fügt sich dann wieder in gewohnte Muster. Dafür ist reichlich Zeit, der kürzeste Track Schnee misst 4:25min, der Finaltrack Fremde dauert fast acht Minuten. Die Themen, die behandelt werden, lassen oft tief blicken. So erinnert Station 8 an einen Klinikaufenthalt, akribisch werden die Räumlichkeiten beschrieben, die Stimmung ist bedeckt. Auch mehrgenerationale Sitzkreise finden mehrfach Beachtung, gegriffen aus ihrer Lebensrealität. Kollmann ist Chorleiterin in einem Stadtteilzentrum in Pankow, sie selbst war Teil eines Wohnprojekts in Mecklenburg-Vorpommern. Besonders schwer kommt der Song Stubenfliege daher. Er beschreibt eine Person, der das Lächeln im Hals steckenbleibt, die ihr Leben lang schwierige, möglicherweise gewaltvolle Erfahrungen gemacht hat und Trost in kleinen Momenten findet, zum Beispiel wenn ihr eine Stubenfliege über die Zehen krabbelt.
Heißt das Album auch Große Liebe, so schlägt es doch melancholische Töne an. Die Songs laden nicht zum Tanzen, sondern zum Nachdenken, zum Träumen und zum Verweilen ein. Dabei scheint immer wieder durch, worum es eigentlich geht: Um die Kraft der eigenen Liebe, den Glauben an das Gute im Gemeinsamen und daraus resultierende Subversion. Oder, wie Kollmann in Ich mit Brille singt:
Ich denke den ganzen verdammten Tag an dich. Meine Liebe ist so schön, unsere nicht. Sie ist so simpel, na und, ich mag dich.
Nichtseattle bringt mit Große Liebe ein Album raus, das mit ehrlicher Poesie und soliden Indie-Klängen überzeugt und ist damit unser Campusradio Jena Album der Woche.