Es ist Sommer, und zwar so richtig. Während die einen die heißen Tage mit Spaßgetränken, Saale-Parties und guter Laune verbinden, ergreift den Künstler unseres Albums der Woche eine tiefe Melancholie. Und so zeugt das neue Album “Und durch die Adern singt ein Wind” von Henning Hans von einer tiefen sommerlichen Traurigkeit, Lana Del Rey Style. Wir haben für euch reingehört.
Für aufmerksame Hörer*innen dürfte Henning Hans ein Begriff sein. Der studierte Linguist und Indie-Rock Künstler begeisterte uns bereits Anfang Mai mit der Single In den Zonen, einer anklagend anmutenden Rockhymne. “In den Zonen, die man uns schenkte reden wir über Asyl”, “Wenn die Antwort auf die Frage Sinn und Widerspruch vereint, sind wir die falschen Menschen zu einer glücklicheren Zeit” und schließlich “ich bin Utopist, ich sage nichts” sind nur einige lyrische Perlen, die Vorwurf mit Resignation verweben. Entstanden sind Akkorde und Text schon vor zwölf Jahren, beachtlich, haben sie doch kaum an Aktualität eingebüßt.
Henning Hans, mit bürgerlichem Namen Henning Oskamp, lebt – wie könnte es anders sein – in Berlin und veröffentlicht seit 2018 seine Musik. Nicht nur die Songlyrics, sondern auch die Titel der Singles, EPs und Alben verweisen dabei auf seinen sprachwissenschaftlichen Hintergrund. So erschien 2021 sein Debütalbum mit dem schön alliterativen Titel Ich hatte mein Handy hätte man mich gebraucht. Dieses widerum wurde mit den Worten „Gab es jemals Zeilen, die eine größere Traurigkeit in sich trugen?“ vom Musikexpress quittiert. Melancholie und Sprachgewalt prägten damals wie heute Oskamps musikalisches Schaffen. Und durch die Adern singt ein Wind ist sein zweites Album. Unterstützt wurde er in der Produktion von Joe Joaquin, der auch schon Künstler wie Tristan Brusch, Muff Potter oder Annenmaykantereit abmischte.
Doch worum geht es in Und durch die Adern singt ein Wind eigentlich? Da ist der erste Song Etwas in Mir, in dem Henning Hans mit schleppender Stimme und gleichzeitig treibenden Beats über Einsamkeit singt. Oder Du verlässt mich im Sommer, ein bitterer Break-Up Song, der die sommerliche Traurigkeit in Bilder fasst: “Du verlässt mich im Sommer, du verlässt mich im Gehn’, du verlässt mich zum wirklich seltsamsten Zeitpunkt und ich muss verstehn”. Der Song 24 Sekunden – der aus 24 Sekunden Regengeräuschen besteht – mündet erst in dissonante Störgeräusche und dann nahtlos in Jeden Herbst find ich es komisch – ja, wieder ein Jahreszeiten Track. Dieser erfasst das seltsame Gefühl einer Nähe, die sich bedeutungslos anfühlt und des Herbsts als inkonsequenten kleinen Bruder des Winters, Depression inklusive. Schließlich ist da noch Kratz mich aus, ein experimenteller Track der das Thema Tod halb zynisch, halb verzweifelt berührt und Die Leute, der Song mit dem das Album schließt:
“Und die Leute. Und Europa. Und die Kinder. Und die Grauen, die Verlierer und die Zeit, die deine Oberfläche streift.”
Möchte man Henning Hans’ neuen Wurf kritisch prüfen, fällt einiges auf: Die Atmosphäre ist stimmig, die Sounds gewaltig und das Album hält auch beim wiederholten Hören neue Eindrücke bereit. Immer wieder bricht der Künstler mit dem einfachen Reimschema, immer wieder verschwinden Satzenden im Genuschel, beenden atzige Gitarrensolos langatmiges Lamentieren. So ist es ein Album, em es gelingt die schwarz-weiß Fotographie des Album-Covers in Musik zu übersetzen.
“Warum heute so traurig, warum denn nur so still?”
Mit Und durch die Adern singt ein Wind kreiert Henning Hans vielleicht nicht den Gute-Laune-Sommer-Hit des Jahres. Ihm gelingt jedoch etwas, das vielleicht viel schwieriger ist: Die Gefühle, Sehnsüchte und Gedanken aufzugreifen, die durch die Hitzewellen wabern und sich in der einen oder anderen etwas zu einsamen Stille breit machen, trotz Sonnenschein. Genau deswegen ist Und durch die Adern singt ein Wind unser Campusradio Jena Album der Woche.