Vergangenes Wochenende demonstrierten zehntausende Menschen in Erfurt angesichts des Parteitages der AfD gegen deren Politik. Während in der von Polizei abgezäunten und umstellten Messehalle die rechtsextremsten Politiker*innen des Landes zusammenkamen, formierte sich wenige Meter daneben Protest in Form mehrerer Demonstrationszüge, die auf dem Parkplatz der Halle in ein Festival der Vielfalt und der Demokratie übergingen. Zusätzlich hatten sich abermals über zehntausend Menschen aufgemacht, um sich mit nicht mehr und nicht weniger als ihren eigenen Körpern in den Weg zu setzen, und so die Machenschaften der Partei zu stören. Die Blockaden verliefen unaufgeregt, auch weil sie zu spät begannen und dadurch an dem Ziel scheiterten, den Parteimitgliedern den Zutritt zum Gelände zu verwehren. Ich selbst war auf einer der Demonstrationen und wie immer nach Tagen wie diesen drängt sich mir die Frage auf: Was hat das jetzt eigentlich gebracht?

Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten: Eine messbare Verzögerung oder gänzliche Verhinderung des Parteitags fand nicht statt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Anreise und der Zugang erschwert wurden. Besucher*innen wie Veranstalter mussten mitten in der Nacht in die Halle schleichen und einen enormen Mehraufwand betreiben, um den Parteitag regulär durchführen zu können. Das Zeichen, das gesetzt wurde, war klar: Ein Parteitag, der zufällig auf den Tag 100 Jahre nach einem Parteitag der NSDAP in Weimar stattfindet, von einer Partei, die menschenfeindliche Politik verfolgt, darf nicht stattfinden, ohne, dass sich sehr viele Leute offen dagegen stellen. Diese Botschaft dürfte bei den Delegierten, den Besucher*innen der Demonstrationen, den Erfurter*innen und den Menschen, die medial die Geschehenisse verfolgt haben, angekommen sein. Doch ändert das auch etwas am Zuspruch, den die blauen Populisten bundesweit und, sehr aktuell, demnächst bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt erhalten? Wenn es darum geht wirklich zu verhindern, dass die AfD in Regierungsverantwortung gelangt, was bringt es dann an einem einzigen Tag in eine Großstadt wie Erfurt zu fahren, einen Nachmittag munter zu demonstrieren, sich in der eigenen Bubble zu bewegen und am Ende des Tages zwar zahlenmäßig zum Protest beigetragen zu haben, kommunikativ jedoch so weit entfernt von AfD Wähler*innen und Sympathisant*innen zu sein wie sonst nie? Die Berichterstattung im Nachgang zum 4. Juli in Erfurt hob die friedliche Stimmung, die geregelten Abläufe und das reibungslose Gelingen des Parteitags hervor – es sei ein guter Tag für die Demokratie gewesen. In mir hat der Tag andere Gefühle hervorgerufen. Selten habe ich mich in einer so großen Menge an Menschen, die die gleiche Vision einer besseren Zukunft haben, so einsam gefühlt, selten in meinem politischen Engagement so unpolitisch.

Dabei bin ich ein Gewächs der Hochschulpolitik. Drei ganze Jahre meines Bachelorstudiums habe ich mich in Bayern, dem einzigen Bundesland ohne verfasste Studierendenschaft, auf allen Ebenen engagiert. Ich saß im Studierendenparlament, im Senat und im Hochschulrat der Universität und habe jahrelang die angebliche Bedeutungslosigkeit dieser Arbeit angefochten und hochschulpolitisches Engagement in seiner gesamtpolitischen Relevanz verteidigt.

Dieses Jahr habe ich in Jena die Hochschulwahlen überhaupt nicht verfolgt und erst am letzten Abstimmungstag meine Kreuze gesetzt, relativ wahllos und uninformiert auf den Listen, die mir dem Namen nach stabil genug erschienen. Seit Beginn meines Masterstudiums in Jena war ich auf ganzen drei Demonstrationen, lass es vielleicht vier gewesen sein. Meine Parteimitgliedschaft ist aktuell allenfalls passiv. Was hat sich verändert? In Jena ist gefühlt alles politisch – habe ich deswegen weniger das Gefühl, mich stark machen zu müssen? Oder ist das Abebben meines politischen Engagements Symptom einer generelle Protestmüdigkeit meiner Generation? Fridays for Future findet in Jena, aber auch deutschlandweit wenig bis gar nicht statt, die Letzte Generation ist mit Gerichtsprozessen beschäftigt, die Klimakrise spielt im öffentlichen Diskurs trotz Rekord-Hitzewellen nur eine Nebenrolle. Die Nachfrage an veganen Angeboten stagniert und während sich Aktionsbündnisse wie widersetzen oder Studis gegen Rechts gegründet haben und zu Aktionen aufrufen, nehmen daran nur ein Bruchteil der politisch Interessierten und Engagierten teil. Die großen Massen, die 2019 für Klimagerechtigkeit auf die Straße gegangen sind, sind aktuell das Gegenteil von mobilisiert, auch ich reihe mich ein in den Trend. Dann findet in der Region eine der größten aktivistischen Aktionen des Jahres statt: Endlich wieder auf die Straße gehen, sich dann widersetzen und zusammenstehen, wenn es darauf ankommt, das waren meine Erwartungen an den Samstag. Und doch bleibt der resignierende Gedanke, dass das einfach nicht reicht. Wenn ich meiner eigentlich politisierten Generation eine Diagnose stellen müsste, was ihr aktuelles Engagement angeht, wäre Resignation vermutlich sehr treffend. Wahrscheinlich ist aber genau das die mächtigste Waffe der hochmotivierten Rechten und deswegen die große Aufgabe aller demokratischen Kräfte dieses Jahrzehnts, gegen diese Resignation in den eigenen Reihen anzukämpfen.

Vor ziemlich genau 5 Jahren bin ich selbst hochmotiviert zum ersten Mal bei Hochschulwahlen angetreten. Auf Instagram untermalte ich meine Bewerbung mit folgendem Zitat:

Wenn wir in 15 Jahren zurückblicken und den intersektionalen Systemwandel geschafft und die Klimakrise bewältigt haben, möchte ich sagen können ich war dabei. Und falls wir es nicht schaffen, muss ich sagen können ich hab’s versucht. Deshalb fange ich hier und jetzt damit an.

Der Post ist vom 08.07.2021 – bleiben also immerhin noch ganze 10 Jahre. Packen wir’s an.