Eigentlich sollte ich mich mal um mein Netzwerk kümmern – zumindest sagen das alle. Also lade ich mir LinkedIn herunter und tauche ein in eine Welt, die irgendwie ganz anders ist als erwartet.
Ich öffne Instagram. Eigentlich nur zur Ablenkung. Reels schauen und durch die Memes scrollen, die meine WG mir geschickt hat. Und da sind sie wieder. Ich werde auf meiner Startseite angeschrien. Sie nennen sich selbst „Highperformer“ und erzählen mir, wie viel ich arbeiten soll und dass ich mich unbedingt connecten muss. Und zack setzt die FOMO ein. Eigentlich sollte ich auch mal Kontakte aufbauen. Networken, wie man so schön sagt. Zögernd wandert mein Finder Richtung App-Store und ich lade die App zur Vorhölle runter. LinkedIn.
Die App war ursprünglich gedacht als Plattform für beruflichen Austausch und ehrliche Einblicke in die Arbeitswelt. Diese Zeiten sind aber schon längst vorbei.
Zuerst muss ich mir ein Profil erstellen. Wo ich Abitur gemacht habe, wer mein Arbeitgeber ist , was meine Skills sind. Peinlich berührt tippe ich meine zwei kleinen Joberfahrungen und mein Studium in die jeweiligen Felder ein. Datenschutz ist in Deutschland immer so ein großes Thema aber hier veröffentliche ich meinen Wohnort unter Klarnamen?
Naja, nachdem ich mir noch ein Profilbild gegeben habe, fange ich intensiv mit dem Networking an. Ich frage also meine beste Freundin und einen Kumpel aus dem Studium an. Ich habe zwar deren WhatsApp Nummer, aber jetzt sind wir auch offiziell LinkedIn Freunde. Level Up in der Freundschaft oder so.
Nachdem ich erfolgreich ganze zwei Follower gesammelt habe, bin ich nun vollkommen in der Welt der Selbstvermarktung angekommen. Zwischen Highperformern und Marketinggurus versuche ich mich zurechtzufinden. Die erste Gruppe, die mir begegnet, sind die LinkedIn Influencer. „Boarding to Singapur”, “Reise nach Südamerika zur Recherche”. Ich vergesse fast das ich auf LinkedIn bin und fühle mich wieder wie in meiner Insta Bubble. Eine Frage bleibt aber gleich: Wie könnt ihr immer solche Reisen machen?
Nach dieser ersten Flut an Informationen kommt mir eine neue Gruppe an Menschen entgegen. „Wie du mit deiner Bewerbung überall eingeladen wirst“, „10 Bewerbungsfehler, die Sie sofort vermeiden sollten“. Ich bekomme eine Flut an Optimierungen angezeigt. Das Problem dabei: jeder rät mir was anderes. Ich solle ein Foto in meine Bewerbung einfügen, ich soll kein Foto in die Bewerbung einfügen. Ich soll Floskeln vermeiden aber nicht zu kreativ werden. Sonst können die KI-Programme meine Bewerbung nicht lesen und ich werde aussortiert. Na klasse, …
Ich scrolle weiter und mein persönlicher Endgegner begegnet mir. „Mit 23 schon Führungskraft und das habe ich gelernt“. „Wie ich mit 20 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen gegründet habe“. Der reine Erfolg wird zur Schau gestellt. Ich erinnere mich wie ich die App heruntergeladen habe, weil ich Angst hatte, was zu verpassen. Jetzt fühle ich mich aber noch schlechter. Wie kann ich mit Anfang zwanzig noch studieren? Wieso habe ich keine Reisen ins Ausland, gebe Bewerbungstipps und habe noch keine Firma gegründet?
Es reicht. Ich schließe die App und atme durch. LinkedIn ist weniger ein Spiegel der Arbeitswelt, sondern mehr ein Schaufenster. Eines, in dem alle glänzen und sich präsentieren wollen. Die eigentliche Frage ist nicht, warum LinkedIn nervt, sondern warum wir das Gefühl haben, dort überhaupt sein zu müssen.