Wir befinden uns mitten im Mai und scheinen trotz der steigenden Temperaturen noch nicht ganz den regnerisch grauen Tagen entkommen zu sein. Doch man sollte nicht verzagen, denn die Band Social Broken Scene hat nach neun Jahren Pause ihr neustes Album rausgebracht, welches beim Zuhören ein strahlendes Lebensgefühl hervorruft.
Es gibt viele Bands, die sich heutzutage mit der Bezeichnung Alternative oder Indie-Rock klassifizieren lassen, doch nur die wenigsten haben einen Status oder markanten Sound wie das kanadische Kollektiv Broken Social Scene. Ihr neuestes Release “Remember The Humans” beweist erneut, dass eine sanfte Verschmelzung von Stimme und rockig-orchestraler Instrumentalisierung eine tiefsitzende Freude entstehen lassen kann.
Es wäre eine Herausforderung wie keine andere, bei dieser Band alle beteiligten Namen über die Jahre aufzulisten. Zu groß ist die Menge an regelmäßigen und einmaligen Kollaborateuren, die ihrerseits selbst Teil von anderen musikalischen Projekten sind. Festzuhalten ist, dass der Ursprung von Broken Social Scene bei den Musikern Kevin Drew und Brendan Canning liegt. Kennenlernen tun sich die beiden als bereits erfahrene Musiker in der Indie-Szene von Toronto im Jahre 1999. Der Start als Duo führt noch im selben Jahr zum Release ihres größtenteils instrumentalen Debütalbums, für dessen Live-Performance Drew und Canning weitere Musizierende hinzuholen müssen. Das Projekt Broken Social Scene ist weniger eine feste Band und mehr ein freies Kollektiv, welches die Freude am gemeinsamen Schaffen auf experimentelle Art und Weise ermöglicht. In den nachfolgenden Jahren etabliert sich die Künstlergruppe stetig mehr und mehr als einer beachtenswertesten Alternative-Acts aus dem Lande Kanada.
Der Kern der Musik von Broken Social Scene ist die tiefgründige Warmherzigkeit, die sich aus der Kombination von akustischem Indie und orchestraler Komposition ergibt. Es ist das musikalische Äquivalent zu einer mollig warmen Decke, die den eigenen kalten Körper umsorgt. “Remember The Humans” ist das siebte Studioalbum der Band und knüpft sich atmosphärisch an die vorherigen Releases an. Ein durchgängiges Motiv in dem aktuellen Release ist die Nostalgie, und der damit verbundene Schmerz. Gründungsmitglied Kevin Drew und wiederkehrender Produzent David Neweld verloren kürzlich beide ihre Mutter und verarbeiten diesen Verlust in der Musik. Bereits der Opener “Not Around Anymore” ist von schmerzerfüllten Lyrics durchsetzt, ein Lamento für den Verlust einer Lebenswelt und der einhergehenden Resignation. Ebenso kann man sich jedoch aus der Müdigkeit herausholen, um mit Euphorie dem Tag entgegenzutreten. Der Song “Hey Amanda” ist genau von ebenjener Euphorie durchsetzt. Streicher, Bläser und anschwellendes Gitarrenspiel ergeben mit chorischen Vocals ein erschwingliches Hörgefühl. Auch längere Cuts wie “This Briefest Kiss” halten den Spannungsbogen mit einer vielschichtigen Instrumentation. Feinfühlig gesetzte Percussion und Saxophonparts werden mit einer subtilen Synthmelodie vollends abgerundet.
Großes musikalisches Fingerspitzengefühl und eine berührende Auseinandersetzung mit Verlust, Nostalgie und Hoffnung machen das Album wirklich hörenswert. Selbst nach mehrmaligen Hören entpuppen sich neue Details in dem aktuellen Werk von Broken Social Scene, welche die Freundschaft als eine der mächtigsten Formen des Protests in der modernen Gesellschaft ansehen. Damit verdient sich “Remember The Humans” bei uns einen Platz als Campusradio Jena Album der Woche.