Endlich wieder Fußball-Weltmeisterschaft … oder doch nicht? Das für Sommer geplante Turnier in Nordamerika wird aktuell im öffentlichen Diskurs stark thematisiert. Haben wir nach der Debatte rund um Katar 2022 als Gesellschaft und Fangemeinde endlich dazugelernt, oder wird sich auch dieser Eintrag im Geschichtsbuch wiederholen?
Die diesjährige Fußball-WM in Kanada, Mexiko und den USA ist aktuell in aller Munde. Vom 11. Juni bis 19. Juli soll das Turnier in Nordamerika ausgetragen werden. Während die Reform des Spielmodus zu 40 teilnehmenden Nationen sowie die angesetzten Spielzeiten bei den europäischen Fans zuletzt unter starker Kritik standen, gibt es nun ein weiteres Thema, das die Vorfreude auf das anstehende Turnier ausbleiben lässt: Die politischen Zustände des 2018 gewählten Co-Austragungsortes USA spitzen sich immer weiter zu.
Nach den Vorgängern Russland im Jahr 2018 und Katar 2022 soll auch die diesjährige WM zu Teilen in einem Land ausgetragen werden, dessen Politik international anerkannte Menschenrechte missachtet. Und das ausgerechnet, nachdem der Weltfußballverband FIFA erstmals im Auswahlprozess die Menschenrechts- und Arbeitsstandards in Zusammenarbeit mit externen Menschenrechtsakteuren im Bewerbungsverfahren berücksichtigt hat.
Wie ernst die FIFA es 2015 mit ihrem Beschluss meinte, lässt jedoch aktuell zu zweifeln übrig. Die USA befinden sich seit Monaten sowohl innen- als auch außenpolitisch in einem Ausnahmezustand. Trotz Präsident Donald Trumps aggressiver Politik gegenüber Grönland, den Zolldrohungen an Kanada – einem der beiden Co-Austragungsorte wohlbemerkt – und den Vorfällen im Zusammenhang mit der Einwanderungsbehörde ICE, gibt es bislang keine öffentliche Äußerung der FIFA.
Und auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) fehlt es an Haltung. Während Oke Göttlich als Vizechef des DFB noch einen Anstoß zum Boykott der WM 2026 brachte, sprachen sich der DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Ligapräsident Hans-Joachim Watzke deutlich dagegen aus.
Dass es die Verbände, Spieler*innen und große Teile der Zuschauenden scheinbar nicht interessiert, unter welchen Bedingungen Menschen in den Austragungsorten leben und für die WM arbeiten, ist spätestens nach Katar deutlich geworden.
Doch wenn US-amerikanische Staatsbürger*innen auf offener Straße von der Einwanderungsbehörde ICE hingerichtet werden, dann ist es an der Zeit, an Olympia 1936 unter dem NS-Regime zu erinnern. Für den Wettbewerb sind die Sportler*innen mit ihren Verbänden damals trotz der bereits erlassenen Gesetzte zur Diskriminierung von Juden angereist und haben damit der NS-Propaganda eine größere Plattform gegeben. Ausgerechnet die USA waren es damals unter anderem, die Kritik am bereits 1931 gewählten Austragungsort geäußert hatten, schließlich jedoch trotzdem anreisten.
Und ja, wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn die Länder Olympia damals boykottiert hätten. Aber wir wissen, was passiert ist, nachdem sie es nicht getan haben.
Auf den sozialen Medien wird das Thema seither stark diskutiert. Während ich den zahlreichen Meinungsaustausch darüber sehr begrüße, bin ich zugleich auch enttäuscht. Enttäuscht, dass wir als Gesellschaft nach den Ereignissen in den letzten Jahren in Hinblick auf die vergangenen Austragungsorte und auch die Politik unter Donald Trump nicht so weit sind, für unsere Werte einzustehen. Enttäuscht, dass unser Land von einem DFB und Spielern vertreten wird, die davor zurückschrecken, Verantwortung zu übernehmen. Und enttäuscht, dass wir als Fußballfans die Bedeutung eines Boykotts bei einem internationalen sportlichen Ereignis unter diesen Umständen noch immer nicht einsehen wollen.
Und nein, wenn Spieler*innen bei einem internationalen Wettbewerb ein Land vertreten, dann stehen sie nicht ohne Grund mit deutschem Trikot und Flagge auf dem Feld uns singen vor Anpfiff die deutsche Nationalhymne, sondern sie vertreten die Werte unseres Landes und das ist politisch.
Aber nicht nur die demokratischen Werte der Bundesrepublik Deutschland stehen im Konflikt mit Trumps Politik, auch unsere Geschichte macht uns zu einem Land, dass ein faschistisches Regime unbedingt kritisieren und vor allem nicht auch noch unterstützen sollte.
Dass unsere Regierung diese Aufgabe verfehlt, ist wenig überraschend. Schließlich hat unser Bundeskanzler selbst kurz vor seiner Wahl für seine politischen Zwecke die Stimmen der AfD genutzt.
Aber Deutschland ist mehr als ein paar politische Entscheidungsträger. Auch wir als Gesellschaft können Politik machen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht als deutsche Staatsbürger*innen, die Demokratie zu bewahren und für Menschenrechte einzustehen. Es ist an der Zeit, kollektiv Einhalt zu gewähren und Solidarität mit den Opfern von Donald Trumps Regime zu zeigen.
Aus diesem Grund wünsche ich mir, dass wir als Fußballfans und deutsche Staatsbürger*innen weiterhin unsere Mittel und Wege nutzen, um den DFB auf die Missstände in den USA aufmerksam zu machen und die WM, sollte es zu einer deutschen Teilnahme kommen, nicht verfolgen.
Mir ist bewusst, dass wir dadurch Trumps Pläne und weitere Todesopfer nicht direkt verhindern können, aber wenn schon ein ausgeschalteter Fernseher ein Zeichen setzten kann, dann ist es mir das mehr als nur Wert.
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