Female Rage. Dieser Begriff kursiert schon seit einiger Zeit im Internet und in feministischen Kreisen. Auch in der heutigen Popkultur findet man immer wieder Darstellungen von female rage in Filmen, Büchern und Liedern. Was es genau mit dem Begriff auf sich hat und wieso Frauen wütend sein dürfen, erzählt euch unsere Eule Lisa.
Female Rage. Ein englischer Begriff, der sich aus den Wörtern weiblich und Wut zusammensetzt und somit den frauenspezifischen Zorn ausdrückt. Es ist eine Wut geprägt von jahrelangen gesellschaftlichen Geschlechternormen, die das Handeln und Verhalten einer Frau bestimmen und kontrollieren sollen. Eine Wut, die Frauen über Generationen hinweg abgesprochen wurde und auch heute noch als zu hysterisch, zu laut, zu empfindlich dargestellt wird. Wann genau der Begriff des frauenspezifischen Zorns entstanden ist, darüber streiten sich verschiedene Forschungen. Fakt jedoch ist, er existierte schon lange vor dem jetzigen Jahrhundert in abwertenden Begriffen wie weibliche Hysterie und wird stetig von einer Generation an Frauen an die nächste Generation vererbt.
Das Problem in unserer Gesellschaft liegt nicht in der frauenspezifischen Wut, die seit der #MeToo Bewegung immer mehr politisiert wurde und immer mehr Frauen dazu bewegt hat generationenlange Wut in Protesten endlich auszudrücken, egal wie hysterisch sie von anderen Menschen aufgenommen wird. Das Problem ist, dass die Wut von Frauen stetig belächelt und nicht ernst genommen wird. Worauf sollte man als Frau denn auch wütend sein, vor allem in einem Land wie Deutschland, wo Frauen doch mehr Rechte haben als in anderen Ländern?
Doch genau hier fängt doch das Problem schon an. Soll das die Rechtfertigung des patriarchalischen Systems sein? Eine deutsche Frau hat mehr Rechte als andere Frauen. Sie darf als Mädchen genauso wie Jungen die Schule besuchen, darf studieren und arbeiten anders als in anderen Ländern der Welt. Muss sie sich deshalb glücklich schätzen, dass sie in Deutschland geboren wurden und den 16% Gender Pay Gap akzeptieren? Muss sie ein kaputtes System hinnehmen? Darf sie nicht wütend sein, dass andere Frauen noch mehr Ungerechtigkeit erfahren als sie und das System trotzdem auch sie selbst nicht genauso wertschätzt wie einen Mann?
Wie viele Femizide, wie viele Straftaten gegen Frauen muss eine deutsche Frau hinnehmen ohne auch nur ein bisschen Wut verspüren zu dürfen? 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten, die Hälfte dieser Opfer zum Tatzeitpunkt minderjährig. 308 Tötungsdelikte an Mädchen und Frauen, die nicht als Femizide bezeichnet werden dürfen, weil es keine bundeseinheitliche Definition des Begriffs „Femizid“ gibt. 18.224 weibliche Opfer von digitaler Gewalt. Das sind die Statistiken des Jahres 2024 des Bundeskriminalamts. Und wer weiß wie groß die Dunkelziffer ist.
Und was ist mit den kleineren Momenten im Leben, in denen uns Frauen immer wieder klar gemacht wird, was unsere Rolle im Patriarchat sein soll. Die Momenten in denen wir mansplaining begegnen, ständig unterbrochen und übertönt werden, in denen uns Medien vorschreiben was die neuen Beauty Standards unserer Welt sind, denen wir uns anpassen sollen. Dürfen Frauen wütend sein wenn ein Politiker impliziert, eine Frau sei lediglich etwas wert wenn sie Kinder hat, während ein anderer Politiker ein Schulmädchen einer weiterführenden Schule sexualisiert?
Ja, ich bin wütend. Ich bin wütend, dass Frauen Generationen vor mir und auch heute immer noch für ihre Rechte kämpfen müssen. Ich bin wütend, wenn ich abends im Dunkeln nicht noch schnell eine Runde im Park laufen kann ohne Angst zu haben mich in Gefahr zu begeben. Ich bin wütend wenn ich mir einen Film anschaue, in dem starke Frauen sexualisiert werden um dem male gaze zu entsprechen. Ich bin wütend wenn erneut über einen Femizid berichtet wird, bei dem der Täter als Familienvater beschrieben wird. Ich bin wütend, dass ich genau weiß, dass ich einen Tag nach dem internationalen Frauentag wieder Kommentare sehen werde, die einen internationalen Männertag fordern, als wären die anderen 364 Tage im Jahr nicht genau das – ein System gemacht von Männern für Männer, das die Probleme der Frauen nicht anerkennt.
Also ja, wir als Frauen haben das Recht wütend zu sein.
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